Justinian I., oströmischer Kaiser

Justinian war ein Neffe des Kaisers Justin I.; er stammte aus einer romanisierten illyrischen Familie, wurde am 1. April 527 adoptiert und als Nachfolger des Onkels aufgebaut. Am selben Tag heiratete er Theodora, eine Frau bescheidener Herkunft, die jedoch sehr schön und intelligent war. Im August jenen Jahres starb Justin, und J. wurde Thronnachfolger. Als Mann mit starkem Charakter und mit der energischen Unterstützung seiner Frau setzte er sich in der Innen- und Außenpolitik für die Umsetzung eines Programms der Wiederherstellung des Reichs ein. Der erste Schritt bestand in der Verwaltungs- und Steuerreform und in der Veröffentlichung der Institutionen, der Digesten und des Codex, die die römische Gesetzgebung und Rechtsprechung ordneten. Beim Versuch hingegen, dem Reich die Glaubenseinheit zu geben, zögerte er nicht, die Monophysiten zu verfolgen und später in einen harten Konflikt mit den römischen Päpsten (Agapitus, Vigilius, Pelagius) zu gehen, die seine Politik der Versöhnung um jeden Preis nur widerwillig annahmen. Das Reformpaket, das tief verwurzelte Missbräuche bekämpfte, löste vor allem unter der Zirkuspartei der Grünen, der Monophysiten, eine heftige Reaktion aus, so dass am 11. Januar 532 der Nika-Aufstand im Hippodrom ausbrach, bei dem J., der dabei fast den Thron verlor, nicht nur durch Theodoras Entschlossenheit gerettet wurde, sondern auch durch Belisars kaisertreue Einheiten. Nach der Festigung der innenpolitischen Macht und nach dem Abschluss des „ewigen Friedens“ mit Chosrau I. von Persien (532), der ihm damit den Rücken deckte, strebte J. auch die Wiederherstellung der kaiserlichen Herrschaft im Westen an. Belisar zerschlug 533-34 das Vandalenreich und brachte Nordafrika wieder unter die kaiserliche Verwaltung; sofort danach wurde der Krieg gegen die Goten begonnen, dessen erste Phase 536 mit der Eroberung von Ravenna endete. Doch die Verschlimmerung der Lage im Osten (Einfall der Hunnen auf dem Balkan, 540; Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegen Persien) machte wegen des unzureichenden Nachschubs die Wiederaufnahme von Belisars Kampf gegen die Goten schwierig, die sich unter Totila (544) neu aufgestellt hatten. Narses fiel über Dalmatien in Italien ein und eroberte es für Byzanz zurück (552). J. eroberte daraufhin (554) den südöstlichen Teil Spaniens, erlitt jedoch im Osten wegen der ständigen Einfälle von Bulgaren, Slawen und Hunnen (die 558 bis nach Konstantinopel vordrangen und die Vororte der Stadt zerstörten) auf dem Balkan und wegen des Friedensbruchs mit Chosrau schwere Rückschläge. Dieser Friedensbruch führte ihn in einen fünf Jahre dauernden zerstörerischen Krieg (540-45), der mit einem Waffenstillstand endete, der mehrfach verlängert wurde und 562 zum Frieden führte. Letztlich schaffte es J. mit seiner Politik, im Osten die früheren Positionen zu wahren und im Westen große Gebiete des Mittelmeerraums (Italien, Dalmatien, Nordafrika und einen Teil Spaniens) wieder ins Reich einzugliedern, das somit, wie früher von Rom, jetzt von Byzanz aus beherrscht wurde. Insgesamt kann man sagen, dass J. und Theodora in allen Bereichen eingriffen und dem gesamten Leben im Reich neue Impulse verliehen, auch um den Preis eines harten Durchgreifens und hoher finanzieller Opfer für die Bürger. Die Wiederherstellung des Reichs im Westen währte nur kurz, und der von J. entschlossen angestrebte Religionsfrieden wurde nicht erreicht, sondern die Gegensätze zwischen Orthodoxen und Monophysiten verschärften noch die Gründe der Teilung zwischen Osten und Westen, doch die Gesetzgebung und die aus jener Zeit stammenden berühmten Kunstwerke werden zu den einflussreichsten auf die Entwicklung der Kultur gezählt. Dante (Par., 6. Gesang) lässt Justinian den Flug des römischen Adlers feiern, also die den Römern von Gott aufgetragene politische Einigung der Welt: die religiöse Einigung für das Heil der Welt, aber auch, damit die Menschen unter der Führung eines einzigen gerechten Fürsten das irdische Glück erreichen konnten.

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