7. Die Liturgiebücher

Bei den Liturgiebüchern handelt es sich im Wesentlichen um Kultbücher, aber gleichzeitig auch um Gedichts-, Kunst- und Musikbücher, bis hin zu den höchsten Formen des künstlerischen Ausdrucks. In seiner höchsten Form ist das Liturgiebuch eines der ausdruckskräftigsten und treuesten, das Leben einer Gemeinschaft wiederspiegelnden, Dokumente.

Aufgrund des Fehlens eigener aquileischer Liturgiebücher des Spätmittelalters gibt es keine Anhaltspunkte über das antike Musikrepertoire dieser Kirche. Wichtige Informationen über einige Besonderheiten der kirchlichen Rituale Aquileias können allerdings den Werken einiger Schriftsteller entnommen werden, allen voran Chromatius († 407 ca.). Die Aussage von Paulinus II († 802), einem der bedeutendsten Dichter/Musiker des karolingischen Zeitalters, Pfalzgraf Magister Grammaticus, der 787 zum Patriarchen von Aquileia ernannt wurde, ist wohl nicht nur auf dessen Genie, sondern auch auf das lebendige kulturelle Umfeld seines Vaterlandes zurückzuführen. Einige seiner Kompositionen – u.a. das bekannte Lied ‚Ubi caritas est vera’ – werden auch heute noch überall in der feierlichen Kirchenliturgie gesungen. Die erhalten gebliebenen friaulischen Dokumente stammen aus dem 11. und 12. Jahrhundert und beweisen, dass im Friaul die römische Liturgie mit ihrem musikalischen Repertoire (fränkisch-römischer oder gregorianischer Gesang) verwendet wurde. In diesem Kontext zeigt sich, dass es Verbindungen zu den Zentren der germanischen Welt und in geringfügigerem Maße zu Norditalien, vor allem zu Verona, Venedig und Padua gab. Die musikalischen Liturgiebücher spiegeln also die Eigenschaft Friauls als Schnittstelle und Verbindungsglied zwischen der germanischen und der italienischen Welt wieder. Ein eindeutiger Beweis für diese zwitterhafte Situation ist das Sanctorale, das belegt, dass transalpine Heilige in den lokalen Kult eingeführt wurden. Ein weiteres auf den ersten Blick deutlich erkennbares Phänomen ist die Präsenz von zwei Notationstraditionen, welche die kulturelle Hegemonie der einen und dann wieder der anderen Seite wiederspiegeln. Die noch erhaltenen Dokumente aus der Epoche nach dem Jahr 1000, weisen eindeutig auf ein größeres Gewicht der germanischen Tradition hin. Dies ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass von Anfang des 11. Jahrhunderts bis Mitte des 13. Jahrhunderts alle Patriarchen von Aquileia Adelige aus dem deutschsprachigen Raum waren. Diese Tatsache spiegelt sich auch deutlich in der massiven Präsenz der transalpinen Notationsart wieder, die dank der Ausarbeitung im Skriptorium von Sankt Gallen im Detail aufgeschlüsselt wurde. Die Untersuchung der Quellen zeigt außerdem einige Stratifizierungen, die auf eine Verflechtung verschiedener ausländischer Traditionen hindeuten: In anderen Zeiten haben diese das lokale, aus der römischen Liturgie hervorgegangene Erbe, bereichert. Abgesehen von den im friaulischen Gebiet geschriebenen oder in den Gemeinden der Region verwendeten oder für sie bestimmten Liturgiebüchern, dürfen beim Studium der Liturgiequellen auch die Zeugnisse der patriarchalischen Liturgien in fernen entlegenen Gebieten und das vokale, mündlich überlieferte Repertoire nicht außer acht gelassen werden. Zuallererst müssen die Liturgiebücher des sehr weitreichenden Territoriums der Kirchenprovinz Aquileia überprüft werden. Der liturgische Ritus der Patriarchen erstreckte sich weit über die regionalen Grenzen hinaus und reichte Richtung Westen bis in die Lombardei (Como, Cremona) und bis in die piemontesischen Voralpen (Orta) und beeinflusste Richtung Osten die Liturgie der Kirche von Ungarn.

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