2. Der „Codex Rehdigeranus“

Ein Evangeliar aus langobardischer Zeit, das früher in Aquileia aufbewahrt wurde und die Möglichkeit bietet, den bedeutendsten Teil des aquileiensischen Kirchenjahres zu rekonstruieren.

Der Codex Rehdigeranus kann aufgrund der Unzialschrift, in der er verfasst wurde, auf die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts datiert und dem norditalienischen Raum zugeordnet werden und ist ein Evangeliar, das die fast vollständige Übertragung der vier Evangelien in der üblichen Reihenfolge enthält: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Das Evangeliar, das durch einleitende Bemerkungen und Inhaltsverzeichnisse ergänzt wird, wurde 1913 von Heinrich Joseph Vogels veröffentlicht. Der Wortlaut der Evangelien wurde lange Zeit für vorhieronymianisch gehalten, ist jedoch vermutlich vielmehr ein Exemplar einer Verfassung der Vulgata, in der Ausdrücke früherer lateinischer Übersetzungen erhalten blieben. Das Capitulare Evangeliorum, ein Zusatz in einer vorkarolingischen Minuskel, die in derselben Zeit oder kurz nach der Entstehung des Evangeliars verwendet wurde, erlaubt die Rekonstruktion des bedeutendsten Teils des Kirchenjahrs, das im frühen Mittelalter in der Kirchenprovinz Aquileia begangen wurde. Die für den Text der Evangelien verwendete Unzialschrift und die vorkarolingische Kursivschrift der Kapitularien sowie die Art der Initialen und Verzierungen erlauben, mit einer gewissen Sicherheit den Ursprung dieser Handschrift in einem gut organisierten Skriptorium in Norditalien außerhalb von Mailand in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts einzuordnen. Cividale, die Hauptstadt des langobardischen Herzogtums, wurde in diesen Jahrzehnten unter Patriarch Calixtus (737) auch Patriarchenresidenz und erlebte eine Zeit der künstlerischen und kulturellen Blüte. Auch wenn es keine direkten Hinweise auf ein in der Stadt tätiges Skriptorium gibt, ist die Möglichkeit, dass das Evangeliar in der kleinen Stadt im Friaul entstand, eine Annahme, die nicht ausgeschlossen werden kann. Gewiss ist in jedem Fall, dass sich die Handschrift im ausgehenden Mittelalter in Aquileia befand. Dies geht aus einer Notiz aus dem 15. Jahrhundert in humanistischer Kursive hervor, die von Bruder Ludwig von Strassoldo am Rand von fol. 2r vermerkt wurde: «Questo libro si vene d’Aquilegia, 1451, dato per frar Aluixo, f(rate) minor, maestro in teologia». („Dieses Buch kommt aus Aquileia, 1451, gegeben von Bruder Aluixo, Minderbruder, Meister der Theologie“.) Ludwigs Zugehörigkeit zu einer friaulischen Adelsfamilie, seine Rolle als Inquisitor im Patriarchat von Aquileia, die Beziehungen zur lokalen Kirche und zur römischen Kurie erleichterten ihm den Erwerb oder die Leihe von Büchern (die er in einigen Fällen nie zurück gegeben hat) enorm, darunter das Evangelarium, das ein Jahrhundert später in den Besitz des Humanisten Thomas Rehdiger in Verona gelangte. Der Codex Rehdigeranus 169 befand sich zusammen mit anderen Handschriften aus demselben Bestand am Ende des Zweiten Weltkriegs in Breslau (Wroclaw). Die fliehenden Deutschen brachten ihn in Berlin in Sicherheit, wo er sich noch heute befindet.

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