11. Die Bücher der Literatur in Vulgärsprache

Einer der auf kultureller Ebene offensichtlichsten Aspekte in einem Grenzraum wie dem Friaul sind die mehrsprachigen Bücher, die ein Leben der Begegnungen und des Austauschs spiegeln.

In den Jahrhunderten des späten Mittelalters kann das Vorhandensein und der Umlauf von Büchern in Vulgärsprache oft nur anhand von Spuren, Fragmenten und „Stichwörtern“ rekonstruiert werden. In den mit diesem Bereich verbundenen Karten überwiegen neben einigen Prachthandschriften die Fragmente. Einer der auf kultureller Ebene offensichtlichsten Aspekte in einem Grenzraum wie dem Friaul sind die mehrsprachigen Bücher, die ein Leben der Begegnungen und des Austauschs spiegeln, ein Leben, das sicherlich durch die Verflechtung unterschiedlicher politischer und kultureller Phasen der Hegemonialpräsenz des Patriarchats bestimmt wird. Exemplarisch in diesem Sinne erscheint die Episode der Begegnung zwischen dem Hof von Friedrich II., einem Dichter und Förderer der höfischen Lyrik, und dem seines Sohnes Heinrich VII., des Königs von Deutschland, die im Frühjahr 1232 im Beisein des Patriarchen Berthold von Andechs-Meranien in Aquileia stattfindet: eine sowohl politische als auch literarische Begegnung, da sich mit Sicherheit Dichter und Minnesänger im Gefolge befinden. Dies ist der Ort, wo kurze Zeit später um die Jahreswende 1234/1235 eine deutsche Hand am Ende des Reichslandfriedens ein Stück des Liebesliedes Resplendiente stella de albur von Giacomino Pugliese abschreibt (Zürich, Zentralbibliothek, C 88, f. Iv), das als ältestes Schriftzeugnis der sizilianischen Dichterschule gelten kann. Nur einige Jahrzehnte zuvor blühte unter dem Patriarchat von Wolfger von Erla (1204-1218) die Dichtung des friaulischen Kanonikers Tommasino da Cerclaria, der sich in seinem im Winter 1215/16 auf Mittelhochdeutsch verfassten Werk namens „Der Wälsche Gast“ selbst Thomasin von Zerclaere nennt. Trotz der Bedeutung der Beziehungen zum deutschsprachigen Raum ist aus der betreffenden Zeit im Friaul allerdings wirklich wenig deutschsprachige Literatur geblieben. Die kurze und späte Zeit des Provenzalischen im Friaul ist sicherlich mit der Figur von Gregorio von Montelongo in Verbindung zu setzen, des energischen Patriarchen, der mit seiner Ankunft in Aquileia im Jahr 1252 eine politische und kulturelle Wende durchsetzt und sich dabei nach zwei Jahrhunderten der Ausrichtung des Patriarchats am deutschsprachigen Raum der Staufer mehr an Rom und die Forderungen der Welfen hält. Bei den französischsprachigen Büchern ist das größte Problem festzustellen, wann sie ins Friaul gelangten. Das kleine Korpus französischer Schriften, die heute in Bibliotheken oder Archiven im Friaul aufbewahrt werden, scheint nicht losgelöst von ihren Entstehungsjahren zu sein. Im Gegenteil, es beschreibt eine sprachliche Vielfalt, denn es umfasst Schriften, die in Frankreich entstanden, französische Schriften, die mit mehr oder weniger literarischer und technischer Kompetenz in Italien abgeschrieben wurden (siehe Mascalcia von Giordano Ruffo aus Kalabrien), sowie Beispiele der frankovenezianischen Literatur. Alle im Katalog vorgestellten Beispiele [Karten X.2-X.5] dokumentieren den Erfolg der von Italienern abgeschriebenen Schriften in Oïl-Sprachen. Inwieweit sich die Anwesenheit der französischen Patriarchen Bertrand de Saint-Geniès (1334-1350) und Philippe d’Alençon (1381-1387) auf den Einfluss des Französischen im Friaul ausgewirkt hat, ist schwierig zu sagen. Mit Sicherheit „reisten“ die Schriften zwischen Frankreich und dem Friaul nicht nur in eine Richtung. Auch wenn sie auf sehr unterschiedlichen literarischen Ebenen anzusiedeln sind, bezeugen einige französische Bücher von friaulischen Autoren wie das Itinerarium von Odorico da Pordenone oder die Compilatio historiarum totius Bibliae von Giovanni da Mortegliano doch einen kulturellen Austausch. Unter den vielen Schriften in italienischer Vulgärsprache aus dem 14. Jahrhundert, die in den Bibliotheken des Friauls erhalten sind, dokumentiert das wenngleich fragmentarische Zeugnis eines Exemplars der Tavola Ritonda gut den anhaltenden Erfolg der Ritterromane (Karte X.6). Nicht weniger bedeutsam erscheinen bestimmte dichterische Spuren, die in den Freiräumen amtlicher Protokolle von den Notaren hinzugefügt wurden. Umfassende Studien und Debatten haben sich mit den Handschriften von Dantes Commedia im Friaul, wenn nicht mit dem vollkommen legendären Aufenthalt Dantes selbst befasst. In einem Gebiet mit verschiedenen Trägersprachen und trotz der Tatsache, dass das Friaul eine eigene Sprache hatte, ist es unmöglich, im 14. und 15. Jahrhundert Zeugnisse von Büchern mit Literatur auf Friaulisch zu finden, im Gegensatz zu einer beträchtlichen Anzahl überlieferter Urkunden und Papiere. Wieder einmal mehr muss auf Fragmente zurückgegriffen werden, um eine Kultur der Anfänge zu erforschen, über die schon viel geschrieben wurde.

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